05. August 2010

Als ein Blumenkübel um die Welt ging

Als ich mich heute nach dem Mittagessen wieder an meinen Schreibtisch setzte, wusste ich noch nichts von der schreckenserregenden Meldung, die innerhalb meiner kurzen Abwesenheit durch Twitter geisterte: In Neuenkirchen, einem kleinen Ort in der Nähe von Münster wurde ein Blumenkübel umgeworfen! Die Münstersche Zeitung berichtete in einem Online-Artikel darüber. Über den Account eines Redakteurs der Zeitung, der wohl selbst nicht glauben konnte, dass so ein Ereignis à la “In China fällt ein Sack Reis um” eine Meldung wert ist, gelangte der Artikel in Twitter. Und was sich dann lostrat, schockierte die Welt: In Windeseile wurde die Nachricht des armen Kübels weiterverbreitet, Spekulationen angestellt, fiktive Nachrichten zum Kübel kreiert. Binnen weniger Stunden avancierte der Hashtag #blumenkübel zum Star des Tages und schaffte es sogar bis auf Platz vier der weltweiden Twitter – Topthemen.

Doch nicht nur kreative “Allerwelts-Twitterer” bewiesen Humor… das ZDF kündigte augenzwinkernd eine Sondersendung zum Blumenkübel an und wollte Ermittler Matula (Ein Fall für zwei) zur Aufklärung schicken. Die Sparkassen-Versicherung machte darauf aufmerksam, dass ihre Hausratsversicherung auch Blumenkübel abdecke.

Und der Rest der Welt? Irgendwann kamen aus den USA die ersten verstörten Tweets, was es denn mit dem “flower pot” auf sich hätte. Verständnis- und Ratlosigkeit machte sich breit – “Crazy Germans!” schrieb ein US-Twitterer.

Allerdings zeigt sich durch diese Sache auch mal wieder, was Twitter erreichen kann, wie schnell sich Nachrichten über dieses Medium verbreiten können.

Die Münstersche Zeitung selbst erfuhr jedoch erst am späten Nachmittag von dem entstandenen Hype und berichtete darüber… zusammen übrigens mit der Nachricht, dass durch die entstandene mediale Aufmerksamkeit ein Hersteller von Blumentöpfen Ersatz gestiftet hätte. Wenn das mal kein schönes Ende für einen netten Gag auf Twitter ist, der mir persönlich einen sehr lustigen Nachmittag beschert hat…

Die besten “Blumenkübel-Tweets”

- Apple hat bereits eine Schutzhülle für #Blumenkübel angeboten: Der iMer ist für 4,99 Euro im Blumenhandel erhältlich.

- Weiter tritt Blumenerde an der Unfallstelle aus. Hunderte Senioren gefährdet. Erste Versuche das Leck einzudämmen gescheitert #blumenkübel

- zu Guttenberg: Deutschlands #Blumenkübel werden auch am Hindukusch verteidigt

- Polizei und Stadt schieben sich gegenseitig Schuld zu. #Blumenkübel Sicherheitskonzept war nicht ausreichend.

- Angela Merkel unterbricht ihren Urlaub und reist zur Unglücksstelle. #blumenkübel

- Piratenpartei gegen #Blumenkübel Überwachung. Freiheit der Pflanze wichtiger als Sicherheit des Kübels.

- BP hat weder Top-Kill noch Bottom-Kill am #Blumenkübel angewendet

- Der King of Flowers ist tot. Zehntausende trauernde #Blumenkübel Fans pilgern zur Antonius Ranch.

- Microsoft: Hatte #Blumenkübel Sicherheitslücken?

- US-Heimatschutz-Ministerium bestätigt: Haben Überweisungsdaten aller #Blumenkübel -Käufer via SWIFT angefordert und werten sie nun aus.

- Heute Abend soll es um 20:15 einen Brennpunkt in der #ARD zum #Blumenkübel geben.

- Neuenkirchen: SEK befreit 35 #Blumenkübel aus Baumarkt. Polizeisprecher: “Unmenschliche Unterbringung”

Der kaputte Blumenkübel (Quelle: Münstersche Zeitung)

Der kaputte Blumenkübel (Quelle: Münstersche Zeitung)

15. März 2010

Switch Identity

Den folgenden Text veröffentlichte ich in etwas kürzerer Form bereits vor einigen Wochen im NEON-Forum. Er beschreibt Gedanken eines Menschen, der sich in der virtuellen Welt eher ausleben kann, besser verstanden fühlt. Hierzu hätte ich gerne mal ein paar Meinungen: Ist euch dieses Phänomen bekannt? Läuft die Gesellschaft 2.0 Gefahr, im “realen” Leben keine sozialen Bindungen mehr eingehen zu können? Werden “Freaks” in der Netzgemeinde eher anerkannt, wie draußen? Kommentiert dazu!


In diesem Augenblick, in dem ich die Tastatur-Schublade aus dem alten Schreibtisch ziehe, verlasse ich mein Hier und Jetzt und definiere mich neu. Mein weltliches Ich bleibt hinter mir und ich tauche ein in eine Welt, in der ich sein kann, wie ich will.

Und ich will jeden Tag anders sein. Eigenschaften besitzen, die mir mein physisches Ich nicht gestattet. Coolness, Schlagfertigkeit, Zielstrebigkeit. Ja, das will ich. Hier bin ich die Person, als die ich mich gern sehen würde. Schwirre durch die verschiedensten Welten, nehme wie ein Chamäleon ununterbrochen andere Identitäten an, fühle mich frei. Kann Dinge tun, Worte sagen, die sich die Person vor dem Bildschirm nie getrauen würde.

Es ist nicht so, als wäre ich der Klischee-Nerd, dem soziale Bindungen vollkommen fremd sind – im Gegenteil, ich besitze einen kleinen aber feinen Freundeskreis, mit dem ich auch “offline” super was unternehmen kann. Und doch meldet sich immer wieder diese Stimme in mir: “Spring über die Barrikaden, Junge!” Doch wer es sich heutzutage im echten Leben gestattet, Launen zu zeigen, anders zu sein, auch mal anzuecken, der wird irgendwann nicht mehr akzeptiert. Ja, das habe ich gelernt. Die Welt da drin, irgendwo in den Datenleitungen dieses Planeten scheint da anders zu sein. Hier sind diese Typen plötzlich die großen Helden. Es wimmelt gerade nur von Individuen, von Persönlichkeiten verschiedenster Natur, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Man kann ja plötzlich auch mit sich selbst spielen. Kann Kunstfiguren erschaffen. Das ist ein Reiz, der schon fast zur Sucht werden könnte. Doch insgeheim frage ich mich, wie vielen von ihnen wohl im Grunde nur genauso sind wie ich? Mehr, als man denkt, glaube ich. Allein schon deshalb ist es auch immer eine spannende Sache, Menschen zu treffen, die man bisher nur aus dem Netz kannte. Doch es stehen dann dennoch unter den Listen in Facebook & Co, die mit “Freunde” tituliert sind, mehr Leute, als ich da draußen meine Freunde nennen würde.

Ja, es ist definitiv einfacher, seine Schüchternheit abzulegen, wenn man unerkannt hinter einer Firewall sitzt, als wenn einem der Gegenüber direkt in die Augen blickt. Und manchmal möchte ich dann tatsächlich über meinen Schatten springen, mein virtuelle Identität downloaden und auf meinen Körper überspielen. Doch Moment – welche von meinen vielen?

24. Januar 2010

Verhindertes Comeback einer Web-Legende

Die Cyberwelt ist vernetzt im Jahr 2010. Unmengen von Angeboten, die sich heute “Social Communities” nennen, schwirren durch das Internet. Angefangen bei Facebook über Kwick! und Lokalisten bis zu den VZ’s. Doch sie alle haben einen großen Urahn, eine Community, die Ende der 1990er bis 2002 die Welt des Internets revolutionierte. Der sogenannte Cycosmos ließ damals schon erahnen, was Jahre später als Web 2.0 getarnt Einzug halten sollte.

Entsprechend groß war der Hype seinerzeit. Mit anpassbaren Avataren, mehreren Chatkanälen, der Möglichkeit, andere User nach gleichen Interessen zu suchen und futuristischem Design zog Cycosmos die Benutzer in Scharen an sich. Später expandierte es sogar nach Großbritannien und brachte mit E-Cyas einen der ersten virtuellen Popsänger heraus. Man könnte meine, die perfekte Lizenz zum Geld drucken für die Betreiber.

Doch trotz eines Riesen-Marketings rechnete sich Cycosmos für die Betreiberfirma id-media nie wirklich, da verpasst wurde, die Möglichkeiten der Plattform ihrerseits für Werbekunden zu vermarkten. Und so kam urplötzlich für alle User das Aus innerhalb eines halben Jahres. Ende 2002 war Cycosmos Geschichte und id-media kündigte an, die gewonnenen Erfahrungen in einer neuen Business-Plattform verwerten zu wollen. Von welcher man aber irgendwie nie groß etwas hörte.

Und dann kam es wie ein Paukenschlag. 2007 erschien unter der URL cycosmos.com der Hinweis “Die Legende lebt!”. In einem knappen Satz wurde angekündigt, dass die Vorreiter-Community wohl kurz vor einem Comeback stehen würde. Und für einen Newsletter konnte man sich eintragen, um auf dem Laufenden gehalten zu werden.

Inzwischen ist 2010, drei Jahre später und die Ankündigungsseite steht noch genau so im Netz. Ein Newsletter kam nie, geschweige denn der lang erwartete Relaunch. Dabei wäre der Markt sicher durchaus vorhanden, trotz der heutigen Konkurrenz. Denn Cycosmos ist bei vielen noch bekannt im Hinterkopf, die angekündigte Rückkehr hat daher wenig später schon die entsprechenden Wellen der Begeisterung losgetreten. Diese sind jedoch sehr schnell wieder abgeflacht, als durch die Blogs und Foren das Gerücht die Runde machte, id-media könne es sich finanziell gar nicht mehr leisten, Cycosmos wieder auf die Beine zu stellen. Die tatsächlichen Gründe, die dagegen sprechen, wurden offiziell nie bekannt, aber es muss sie wohl geben. Schade eigentlich – ich hätte den “Cyco” gerne wieder gesehen… und vielleicht auch den ein oder anderen Kontakt wiedergefunden, der sich nach dem plötzlichen Aus in den Weiten des Internets verloren hat.

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