29. November 2011

“Aber wir sind alt!” – Rentner in der Bahn.

Um eines gleich im Voraus festzustellen: Ich bin normalerweise einer der Letzten, der älteren Menschen oder Behinderten einen Sitzplatz in Bus und Bahn verweigert. Doch es gibt Ausnahmen. Begründete. Situationen, wie die am vergangenen Sonntag im ICE von Stuttgart nach Berlin sind mir in ähnlicher Form bereits öfters begegnet. Doch nie so dreist, wie diesmal.

Ich sitze im ICE auf meinem reservierten Sitzplatz und höre Musik. Der Zug ist so gut wie ausgelastet. Draußen fliegt die Landschaft vorbei, es dämmert langsam, ich denke nichts Böses. Bis zum Bahnhof Frankfurt/Main. Eine laut plappernde Reisegruppe an Rentnern stürmt den Wagen. Zwei Personen finden einen freien Sitzplatz, der Rest bleibt stehen. Ich höre weiter Musik und blättere in meiner Zeitung. Als sich der Zug wieder in Bewegung setzt, spüre ich die ersten vorwurfsvollen Blicke auf meiner Person. Wohlwissend, was folgen wird, reagiere ich erstmal nicht. Und Bingo: knapp 3 Minuten später werde ich angetippt. Ich nehme meine Kopfhörer ab und frage höflich, wie ich helfen kann. Ob ich keinen Anstand hätte, hier seien ältere Leute, ich solle gefälligst meinen Platz freimachen, schallt es mir unflätig von einer resoluten Dame entgegen. Ich frage nach der Platzreservierung. Hätte sie nicht. Ich aber. Und 2,50 Euro dafür bezahlt, genau um zu vermeiden, dass ich auf den ca. 6 Stunden Fahrt stehen muss. Auf genau diese Tatsache weise ich sie hin.

Das würde keine Rolle spielen, ich wäre dazu verpflichtet, den Platz freizumachen. Ui. Das war mir neu. Mal abgesehen von den speziellen Behindertensitzplätzen gibt es meines Wissens keine rechtliche Grundlage, die dies regelt – höchstens eine moralische. Unterstützung in ihrer rechthaberischen Unwissenheit bekommt die Frau von den anderen Mitgliedern ihrer Reisegruppe. Meine erste Nachfrage, warum denn eine geschätzt 10-köpfige Gruppe an älteren Herrschaften nicht reserviert, wird damit beantwortet, dass sie dies vergessen hätten. Mööööp. Schlechte Ausrede. Bei jedem, aber auch wirklich jedem Verkaufsvorgang an Automat und Internet wird man bei der Buchung aufdringlichst(!) gefragt, ob man reservieren möchte. Genauso sind die Mitarbeiter am Schalter angewiesen, bei jedem Kunden nachzuhaken. Bringt der Bahn ja schließlich Geld. Mittlerweile folgen andere Mitreisende interessiert der Diskussion – darunter auch welche, die resigniert aufgestanden waren. Mein Kompromissangebot, mir die 2,50 Euro Reservierungsgebühr gegen den Sitzplatz zu erstatten, wird mit einem “Unverschämtheit!” quittiert.

Dankenswerterweise grätscht irgendwann ein Herr mit Schiebermütze aus der lustigen Gesellschaft in die Diskussion und offenbart mir die wahren Gründe. Wozu sie denn reservieren sollten? Sie seien ja schließlich alt und würden damit rechnen, dass höfliche Menschen ihnen ihre Plätze überlassen würden. Das Geld könnten sie sich sparen. Das wäre dann der Zeitpunkt, an dem nicht nur mir, sondern auch dem ein oder anderen Mitreisenden der Mund offen stehen bleibt. Jede weitere Diskussion halte ich für unnötig, ich setze meine (zum Glück recht ordentlich schalldichten) Kopfhörer wieder auf. Dabei bekomme ich noch mit, wie die Frau empört von dannen zieht und nach dem Schaffner suchen will, um sich zu beschweren. Dafür scheint sie rüstig genug zu sein, um durch mehrere Wägen zu ziehen.
Mich hätte interessiert, was sie zu hören bekam, denn irgendwann kommt sie noch angesäuerter zurück, würdigt mich keines Blickes, bespricht sich kurz mit ihrer Gruppe und zieht mit jenen, die keinen Platz bekamen, in den nächsten Wagen. Abgesehen von der üblichen bahntypischen Verspätung verläuft der Rest der Reise ruhig.

Spiel, Satz und Sieg.

05. März 2011

E10-Skandal erreicht neue Ausmaße

Zunächst einmal sorry für die reißerische Überschrift. Doch wirklich viel anders kann man das nicht ausdrücken, was nun die Öffentlichkeit erreichte. Die Tagesschau enthüllt heute in einem Bericht, dass die angebliche Verordnung zur Beimischung von 10% Bioethanol in den Sprit NICHT aus der EU kommt. Joe Hennon, der umweltpolitische Sprecher der EU-Kommission wies entsprechende, in Deutschland seit langer Zeit kursierende Informationen, nun zurück. Diese entbehrten jeder Grundlage.

Damit steht für mich klar fest, dass die Bundesregierung in Bezug auf die Einführung von E10 gezielte Falschinformationen gestreut hat, um in der zu erwartenden Diskussion ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen und den schwarzen Peter nach Brüssel schieben zu können. Würde bei der dortigen Bürokratie schon keiner merken. Auch Strafandrohungen gegen die Mineralölindustrie im Falle eines zu niedrigen Absatzes der Biobrühe sind also auf deutschem Mist gewachsen. Man dachte sich wohl, entweder zwingt man den Verbraucher zur Abnahme von E10 und steht als Umweltschützer da – oder aber der Finanzminister freut sich zumindest über ein paar Scheinchen aus der Strafkasse.

Die Politik kritisiert unterdessen weiter die Industrie ob der Teuerung, die sie selbst zu einem großen Teil mit zu verantworten hat. Die Einführung und der Vertrieb von E10 ist für die Tankstellen sicher nicht kostenlos. Und dass es Kapazitätsprobleme geben wird, war auch abzusehen. Wirtschaftsminister Brüderle kündigte unterdessen einen “Benzin-Gipfel” an, in dem darüber gesprochen werden soll, wie man denn die Autofahrer “besser über E10″ informieren könne. Schließlich seien ja Autohersteller und Tankstellen an der Verunsicherung und damit den miesen Absatzzahlen schuld. An dieser Stelle ein Tipp aus der aktuellen Stimmung der Bevölkerung: Lieber Herr Brüderle – das Sprit-Kaffeekränzchen können Sie sich sparen. Stellen wie die Automobilclubs oder die öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanäle haben längst detaillierte Listen veröffentlicht, welche Automodelle mit E10 fahren (NICHT vertragen). Die Bürger WOLLEN die Mogelpackung nur nicht. Sie sind inzwischen darüber informiert, dass der ökologische Nutzen gegen null tendiert und stattdessen die Lebensdauer ihres Fahrzeugs verringert wird. Sie wissen, wem sie die tatsächliche Preissteigerung für E5 Benzin an den Tankstellen zu verdanken haben. Gestehen Sie ein, dass E10 auf Dauer nicht haltbar sein wird.

Und da ich nun weiß, dass das ganze Projekt deutscher Zuständigkeit unterliegt, habe ich heute eine Online-Petition zur Rücknahme der E10-Verordnung eingereicht – und hoffe auf Freischaltung nächste Woche. Dann spricht mal wieder der Souverän.

03. März 2011

Biosprit ohne Bio

Heute nachmittag geisterte die Schlagzeile durch die Nachrichten, dass die deutsche Mineralölindustrie die Einführung des “Biosprits” E10 vorerst stoppt. Als Begründung wurde angegeben, dass bisher nur etwa 30% der Autofahrer das von der EU verordnete Benzin-Ethanol-Gemisch tanken. Dies führe zu Kapazitätsproblemen an den Tankstellen und Lieferengpässen bei Super plus.
Der Schritt, den die Industrie geht, ist konsequent. Wenn auch gefährlich. Denn die EU hat die Konzerne per Gesetz dazu verpflichtet, E10 anzubieten. Wird eine bestimmte Menge nicht verkauft, drohen der Industrie Strafzahlungen, welche diese natürlich an die Verbraucher weiterleiten wird.

Und hier zeigt sich bereits der erste überhebliche Irrsinn einer fehlgeleiteten Politik: Man kann doch die Vertriebsstellen nicht dafür verantwortlich machen, dass die “Bio-Brühe” von den Kunden (zu Recht) nicht angenommen wird. Wer mich kennt, weiß, dass ich den Mineralölgesellschaften sehr kritisch gegenüber stehe – aber in dieser einen Sache muss ich sie tatsächlich einmal auch in Schutz nehmen. Wobei die Politik sicher auch geplant hat, dass die Strafabgaben im Endeffekt eine Ohrfeige für die bösen Autofahrer werden, welche E10 nicht tanken können oder wollen. So wird wieder einmal versucht, die Freiheit zu beschneiden, indem man den Bürgern ans Geld geht – nachdem die Preisanhebung des bisherigen E5 Sprits nicht genug war. Der von oben bestimmte Polit-Aktionismus (“schaut her, wir tun was für die Umwelt”) wurde recht schnell als Unsinn entlarvt. Nicht nur der ADAC warnte vor Mehrverbrauch und Motorenschädigung durch E10, sogar der BUND als Umweltverband bezeichnete ihn als Irreführung und Mogelpackung. Durch Abholzung für den Anbau und Monokulturen führt sich die angeblich gute Ökobilanz selbst ad absurdum. Darüber hinaus werden Rohstoffe für die Verarbeitung zu Sprit verwendet, welche eigentlich als Nahrungsmittel dienen könnten / sollten.

Daraus resultiert: E10 ist nicht nur alles andere als Bio, sondern auch noch schädlich für alle Motoren. Die sogenannte “E10-Verträglichkeit” bezieht sich nur auf die Tatsache, dass das Fahrzeug mit dem Sprit fährt. In jedem Fall geht mit dessen Benutzung eine Verringerung der Lebensdauer des Motors einher. Insofern kann man sich natürlich auch fragen, welche Rolle die Automobil-Lobby bei der Einführung dessen gespielt hat.

Um der EU allerdings die Blamage einer Rücknahme der E10-Verordnung zu ersparen, wird nun also versucht, mit aller Gewalt, die Verbraucher über den Geldbeutel zur Akzeptanz zu zwingen. Die Schuld an dem Desaster wird hierbei den Kritikern in die Schuhe geschoben, so soll z.B. der ADAC eine “konsequente Angstpropaganda” betrieben haben. Ich hoffe, dass die EU mit dieser Peitschenstrategie nicht durchkommt – und ein weitergehender Boykott – auch durch die Mineralölindustrie – zum Scheitern von E10 führt.

Umweltfreundlichkeit im Straßenverkehr fördert man immer noch am Besten durch Forschungsarbeit bei alternativen Antrieben (Wasserstoff, Autogas, Strom etc.) – und selbstverständlich in erster Linie mit einem attraktiven und gut ausgebauten öffentlichen Personennahverkehr. Ich bin mal gespannt, wann das in der EU ankommt. Blinder Aktionismus hat selten zu etwas Sinnvollem geführt – siehe auch das Thema Feinstaubplakette.

In ein ähnlich kritisches Horn stößt auch Holger Krawinkel, Energieexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen im Interview.

Zum Schluss noch ein sehr guter Kommentar, den ich (mal wieder) in der Zuffenhäuser Woche gefunden habe:

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