03. April 2011

Tradition in Deutschland – oder: Die ewig Gestrigen

Nach einer sehr aufgeheizten Diskussion gestern mal ein paar Gedanken zur sogenannten Tradition in Deutschland. Sollte mein Blogpost an der ein oder anderen Stelle etwas polemisch werden, bitte ich dies zu entschuldigen. ;-)

Innenminister Hans-Peter Friedrich hat die Diskussion mit seinen Äußerungen wieder aufs Neue angestoßen. Der Islam gehöre so nicht zu Deutschland. Unser Land hätte christlich-jüdische Traditionen. Und schon stehen wieder alle Erzkonservativen dieses Landes auf und brüllen “Recht hat er!”. Dieses Land hat eben Wurzeln und Traditionen, diese gehörten beibehalten, sie seien wichtig und unerlässlich für unsere nationale Identität. Und jeder, egal welcher Weltanschauung oder Religion jeder Einzelne angehört – in Deutschland hat er sich gefälligst an diese Tradition zu halten. Und so haben wir auch heute noch ein Feierverbot an manchen christlichen Feiertagen, obwohl die wirklich gläubigen Christen inzwischen wohl in der Minderheit sein dürften. Wir halten an der unsäglichen Verbindung zwischen Staat und Kirche fest und stellen andere Ansichten damit per se auf eine niedrigere Stufe. Und beklagen uns gleichzeitig über mangelnden Integrationswillen anderer. Wir brauchen offensichtlich eine feste Linie, an der wir uns orientieren und wollen auf keinen Fall von ihr abweichen. Ja nichts Neues ausprobieren, ja keine anderen Einflüsse zulassen, ja keine uralten Denkweisen hinterfragen. Die eigene Identität steht auf dem Spiel.

Beliebte Argumente hierbei: “Woanders dürfen wir auch keine Kirchen aufstellen.”, “Jeder muss sich eben an die Gesellschaft anpassen, in der er lebt”. Dabei liegen wir in der Türkei nur mit Shorts bekleidet am Strand und hängen unseren behaarten Bierbauch in die Luft – und regen uns hier über die Shishastube nebenan auf. Was soll denn dieser Quatsch? Wir passieren eine von Menschen gezogene Landesgrenze und dürfen nicht mehr wir selbst sein? Müssen wir in Zukunft groß angelegte Migrationsaktionen durchführen, weil jeder in den Staat ziehen muss, der seiner Lebensweise am nächsten steht? Ein Gottesstaat, ein Staat der Atheisten, ein Staat der Sozialisten, ein Staat der Homosexuellen, ein Staat der Gothics? Alles homogen und bloß  keine äußeren Einflüsse.

Wer mich kennt, der weiß, wie kritisch ich zur Religion stehe. Aber jeder soll das verdammte Recht haben, seinen Glauben, seine Ansichten zu leben. Das gehört für mich zur persönlichen Freiheit des Menschen. Einzige Einschränkung: Andere dürfen dadurch nicht gegen ihren Willen beeinträchtigt werden. Die Freiheit des Menschen endet da, wo die Freiheit des Anderen beginnt. Und doch schränken wir mit unserem Geheule nach der deutschen Tradition all diejenigen ein, die ihre Wurzeln oder ihre Ausrichtung woanders sehen. Weltoffenheit Fehlanzeige. Selbst Menschen, die zur Fußball-WM 2006 noch das weltoffene Deutschland propagierten und die Welt “zu Gast bei Freunden” einluden, schreien nun wieder wie sehr Deutschland “verwässert” wird. Das konservative Deutschland will immer noch eine christliche Bastion sein, ein Bollwerk von Zucht und Ordnung. Alles, was anders ist, wie das Gewohnte, will man nicht haben. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Dabei tut es ab und an recht gut, sich zu fragen, ob manches noch zeitgemäß ist und gegebenenfalls einen Modernisierungsprozess einzuleiten. Wer nur rückwärtsgewandt ist, lernt nichts dazu. Durch Offenheit und Beschäftigung mit anderen Kulturen und Lebensweisen lernt man dazu und neue Ideen entstehen. Und nur davon kann Deutschland profitieren. Es ist richtig: Wir brauchen in Deutschland keine Parallelgesellschaften. Aber was wir gut brauchen können ist ein produktives Miteinander der Kulturen – und damit einen Aufbruch in eine neue Zeit. Also zieht gefälligst den Stock aus eurem Hintern!

03. April 2010

Kleiner religionsphilosophischer Gedankengang

Bezugnehmend auf die Tatsache, dass die großen Religionen uns so viel verbieten wollen, kam mir folgender Gedankengang:

In den uns angeblich von Gott gesandten Büchern wimmelt es von Verboten. Explizit beispielsweise der Geschlechtsverkehr vor der Ehe (Bibel u. Koran), Masturbation (Bibel), Alkohol (Koran), Schweinefleisch (Koran). Begründet wird dies zumeist damit, dass diese Dinge schädlich für den Menschen seien, er sie missbrauchen könne und Gott somit den Menschen schützen wolle.

Nun ist es doch aber so, dass die Religion selbst  missbraucht wird. Von den Kreuzrittern bis zu den heutigen Extremisten haben Millionen Menschen unter den Folgen von religiösen Fanatikern, oder denjenigen die sie für ihren eigenen Machterhalt nutzen gelitten. Das bekommt z.B. kein Alkohol dieser Welt hin. Ich distanziere mich klar von Alkoholmissbrauch, genauso wie ich als toleranter Mensch jede andere religiöse Einstellung respektiere. Aber dennoch müsste sich rein vom logischen Standpunkt her… die Religion selbst verbieten.

28. November 2008

Mensch vs. Gott – Teil 2

Ein freies Leben für alle durch Verantwortung jedes Einzelnen. Das bedeutet in erster Linie, dass wir uns selbst aufraffen müssen, dass es an uns selbst liegt. Die Vorstellung von Gott, die uns die Religionen aufzeigen, sagen, dass der „Herr“ unser Schicksal und unser Leben lenkt und bestimmt. Nach dieser Prädestinationstheorie ist unser Leben bereits im Voraus geplant. Hier zeigt sich jedoch aus meiner Sicht bereits das erste Parádoxon: Wie kann Gott am Ende unseres Lebens entscheiden, ob wir es seinen Maßstäben nach gut geführt haben, wenn er doch unser Leben lenkt? Entweder es liegt an uns, ob wir ein „frommes“ oder ein „lasterhaftes“ Dasein auf Erden führen oder Gott lenkt unser Schicksal.

Und sollen wir unser Schicksal tatsächlich von ihm lenken lassen? Da gefällt mir die erste Vorstellung noch am besten. Gott, wenn es ihn denn geben sollte, sollte uns die Möglichkeit geben, unsere Prüfung auf Erden nach unseren eigenem Gutdünken zu meistern und erst am Ende mit uns abzurechnen. Jedoch auch hier stellt sich die große Frage, woher er das Recht nimmt, diese Abrechnung zu führen. Nüchtern gesehen ist Gott ein Individuum – wer sagt also, dass seine Entscheidung über unser geführtes Leben rechtens und gerecht ist? Wer gibt ihm die Befugnis, über unser Leben nach dem Tod zu entscheiden, so wie er gerade Willens und Laune ist? Warum müssen wir uns nach seinen Ansichten richten, dürfen wir keine eigene Meinung haben, wie wir unser Leben gestalten? In einer Diskussion, die ich über dieses Thema mit meiner Freundin geführt habe, antwortete sie mir, wir hätten dieses Recht. Schließlich schreibe uns keiner vor, ob wir unsere Zeit mit oder ohne Gott verbringen. Und ich sage, doch! Während unserer Lebenszeit nicht, das stimmt. Aber wenn wir es nicht tun, werden wir danach dafür bestraft und landen im Fegefeuer, so die Panikmache der Religionen. Ist das eine Wahl? Wie wenn man einem Kind sagt: „Ich stelle dir frei, ob du von den Süßigkeiten naschst oder nicht. Du darfst es, aber wenn du es machst, bekommst du eine Ohrfeige.“

Spätestens hier schlägt die erste Stunde derer, die sich sagen: „Ich möchte über mich selbst bestimmen dürfen!“. Doch halt! Wer über sich selbst bestimmt, möge dies auch mit all seinen Folgen tun. Wer frei sein möchte, ist auch für immer dazu verurteilt, es zu sein, so sah es auch schon der französische Philosoph Jean-Paul Sartre. Denn wer frei handelt, hat auch die Auswirkungen zu tragen und zu recht- fertigen. Und hier kommen wir wieder auf die Moral zurück. Denn wo keine „gottgegebenen“ Richtlinien vorhanden sind, kann es schnell zur Anarchie kommen. Ab diesem Punkt sollte das menschliche Unrechtsbewußtsein greifen. Oder, um es anders zu formulieren: Die 10 Gebote könnte man theoretisch durch praxisnahe ethische Grundsätze ersetzen, allen voran Immanuel Kant’s kategorischem Imperativ, welcher im Grunde besagt, dass man nur so handeln sollte, wie man es sich auch von seinen Zeitgenossen wünscht. Klar könnte man nun argumentieren, dass es machen Menschen recht wäre, wenn sich beispielsweise die ganze Welt nach einem anarchistischen Vorbild verhalten würde, jedoch ist dies wohl die deutliche Minderheit. Und leider ist es zudem unbestritten, dass viele gläubige Menschen in ihrer tiefen Gotteshingabe ihre Moral und Ethik vergessen, beispielsweise die extremistischen Dschihad-Kämpfer des Islam, genauso wie die Kreuzritter des Mittelalters oder ihre zügellosen Pendants der Neuzeit in der Nachfolgeorganisation der Inquisition. Es ist damit festzustellen, dass Religion und Moral zu trennen sind, da es sowohl Gläubige mit Moral, Gläubige ohne Moral, Atheisten mit Moral und Atheisten ohne Moral gibt. Oder, um es mit der deutschen Hip-Hop-Formation Die Firma zu sagen: „Es gibt für mich weder Juden, Moslems noch Christen – es gibt nur gute Menschen und schlechte Menschen, das war’s, das ist es.“. Besser hätte ich es auch nicht formulieren können.

Die persönliche Freiheit selbst scheint für die Menschheit unantastbar zu sein. In ihrem Namen wurden Kriege und Schlachten geführt, für sie wurde gemordet, Revolutionen angezettelt und Systeme gestürzt. Doch ein Großteil genau jener, die ganz vorne mitmischten, stellen sich freiwillig unter die Kontrolle des „Herrn“, Doch mehr dazu im nächsten Kapitel.
Zurück zur Moral… wir leben im 21. Jahrhundert, in einer Zeit, in der die Menschheit mit ihrem bisher erworbenen Wissen in der Lage sein sollte, sich selbst ein vernunft- und zweckorientiertes Gesellschaftsleben aufzubauen – mittels gesundem Verstand, dem eigenen Unrechtsbewußtsein und mit Hilfe einer demokratisch bestimmten Führung. Wenn all dies gegeben ist, wozu dann noch eine übertrieben moralisierende „außerparlamentarische Opposition“ namens Kirche? Oder besser noch: Warum nicht ein ‚Best Of’? Warum nicht jenes zeitlos Vernünftiges, das sich aus den religiösen Schriften über Jahre hinweg als brauchbar in der Gesellschaft etabliert hat mit den modernen Erkenntnissen aus Wissenschaft, Politik und Philosophie kreuzen und daraus eine universelle Guideline schaffen?

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